Wohl denen, die da wandeln - Gottes Wort als Halt in Zeiten des Umbruchs

 

Wohl denen, die da wandeln

Gottes Wort als Halt in Zeiten des Umbruchs

Mit 176 Versen ist Psalm 119 der mit Abstand längste aller Psalmen. Im hebräischen Original beginnen je 8 Verse des Psalms mit einem der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Martin Luther nannte den 119. Psalm darum „das güldene ABC“. In all seinen Strophen kreist dieses lange weisheitliche Lehrgedicht um ein einziges Thema: Gottes Wort, sein Gesetz als heilsame Weisung zum Leben. Der längste Psalm ist ein einziges großes Staunen über das Geheimnis und Wunder, dass Gott den Menschen seinen Willen offenbart. Gegen alle Bitterkeit und Verunsicherung ist es ein wundervoller Gnadenakt Gottes, dass Gott dem Menschen durch sein Wort den Weg zum Leben weist.

Im Jahr 1602 dichtete der Theologieprofessor Cornelius Becker in ursprünglich 88 Strophen den längsten aller Psalmen nach, passend zum lutherischen Kernliederbestand. Als lutherischer Theologe war es ihm ein großes Anliegen, Gottes Gnade hervorzuheben. Die sich reimenden Liedstrophen in deutscher Sprache dienten den Gläubigen zur besseren Aneignung der Glaubensinhalte des Psalms. Die heute zu den Strophen Beckers bekannte Melodie komponierte Heinrich Schütz im Jahr 1661. Seit dieser Zeit wurden von Ausgabe zu Ausgabe die 88 Strophen des ursprünglichen Psalmliedes auf die heute in unserem Gesangbuch bekannten vier Strophen gekürzt. Ursprünglich lässt der Psalm 119 sowie die nachgedichteten 88 Strophen des Liedes von Becker in der Fülle seiner Aussagen keinen inhaltlichen Aufbau oder Gedankenfortschritt erkennen, sondern umkreist das eine Thema der Weisung Gottes in immer neuen Variationen. Erst durch die Kürzung und Konzentration auf die Liedfassung unseres Gesangbuchs entsteht eine bewusst gestaltete Abfolge von Aussagen. In der ersten Strophe heißt es:

Wohl denen, die da wandeln / vor Gott in Heiligkeit, / nach seinem Worte handeln / und leben allezeit; / die recht von Herzen suchen Gott / und seine Zeugniss' halten, / sind stets bei ihm in Gnad.

Die ersten beiden Verse des 119. Psalms aufnehmend beginnt das Lied mit einem Glückwunsch: Glücklich sind die Menschen, die mit allem Ernst und von ganzem Herzen nach Gottes Wort leben, nach seinem Willen fragen und nach seiner Weisung handeln. Bereits am Ende der ersten Strophe bringt Becker das für seine lutherische Theologie so wichtige Wort der Gnade zum Leuchten.
In der zweiten Strophe kommt der Dank über die von Gott empfangene Orientierung zum Ausdruck, und zwar „von Herzensgrund“. Es ist eine tiefe Einsicht, dass es nicht die Leistung des Menschen ist, den von Gott gewiesenen Weg folgen zu können, sondern selbst schenkt dem Menschen diese Möglichkeit. Dass der Mensch „dein Rechte halten“ kann, setzt die Nähe und Zuwendung Gottes voraus, um sie wird zum Abschluss der zweiten Strophe gebeten: „verlass mich nimmermehr“.
Auf die einleitende Seligpreisung in Strophe 1 und den persönlichen Dank in Strophe 2 folgt nun in der dritten Strophe eine Loyalitätserklärung: „Mein Herz hängt treu und feste“. Der Beter vergewissert sich selbst und drückt sein Vertrauen aus gegenüber „dem, was dein Wort lehrt“.

Die letzte Strophe formuliert schließlich ein hymnisches Bekenntnis zur ewig bleibenden Wirklichkeit von Gottes Wort und Wahrheit: „Dein Wort Herr nicht vergehet, (…) dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit gleichwie der Grund der Erden“.
Glückwunsch, Dank, Treue und Lob – das Lied „Wohl denen, die da wandeln“ beschreibt in seinen vier Strophen vier entscheidende Lebensäußerungen des Menschen. Der Grund dafür ist die Weisung Gottes hin zum Leben, in den leichten wie schweren Momenten. Wie der Psalm 119, der in seinen 176 Versen schier nicht aufhören kann, die Vorzüge der Weisung Gottes zu beschreiben, bringt das die auf vier Strophen gekürzte Fassung des Liedes von Cornelius Becker Entscheidendes auf den Punkt: Im Wandel des Lebens mit all seinen Umbrüchen, trotz aller Bitterkeit und Verunsicherung dürfen wir uns glücklich schätzen, dass Gott uns seine Weisung gibt als Gnadengeschenk, weil er uns liebt und nahe bleibt. Das erfüllt uns in der Tiefe meines Herzens mit Dank und lässt uns treu werden. Und schließlich bleibt nur das Lob: Was ist das für ein wundervoller Gott!

Oh, wie gerne singe ich dieses Lied. Singen Sie mit in der Fassung des Liederschatz-Projekts!

Felix Reuter