Die EVANGELIUMSKIRCHE - Kirchenführung Teil 1

 

Bereits aus der Entfernung kann man über der "Skyline des Hasenbergl" die beiden Kirchtürme von Evangeliumskirche (evangelisch) und St. Nikolaus (katholisch) ausmachen. Markant sind die Unterschiede der beiden nebeneinander liegenden Kirchen: auf dem spitz zulaufenden betongrauen Turm der katholischen Schwester dreht sich der Wetterhahn, während den 37 Meter hohen backsteinroten Turm der Evangeliumskirche ein imposantes Kreuz ziert, Wahrzeichen des Evangeliums.

Der Kirchenbau selbst, ein Stahlbetonskelett mit Sichtmauerwerk steht quaderförmig am Stanigplatz: ohne seitliche Kirchenfenster sind die Mauern zwölfeinhalb Meter hochgezogen. Links daneben prangt als Begrüßung das bayerische "GRÜSS GOTT" am Eingang des einstöckigen gleichnamigen Gemeindehauses.

 

 

Besucher betreten Kirche und "Grüß-Gott-Haus" am besten über den Kirchenvorplatz durchs Hauptportal: unübersehbar ist in etlichen Betonplatten der Umriss von Fischen ausgespart. Sie bilden kleine und große Fischschwärme, die zu den Eingängen hin orientiert sind. Der Fisch erinnert den Kundigen an das alte Geheimzeichen der Christen. Die Fische als Zeichen der Gemeinde (Menschenfischer) weisen auf ein urchrist-liches Glaubensbekenntnis hin. Die Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes Fisch ICHTHYS stehen für

 

"Iesus CHristos Theou Yios Soter":
"Jesus Christus (ist) Gottes Sohn, (unser) Heiland".

Über dem Eingangsportal sehen wir, wie die Weihnachtsbotschaft den Hirten auf den Feldern vor Bethlehem verkündigt wird: zu erkennen sind drei Hirten, zwei links stehend, einer hockend, der Verkündigungsengel rechts oben sowie die Hürden.
Dass die Hirten als verrufene Randsiedler der damaligen Zeit das Evangelium von der Geburt des Heilands zuerst erfahren, darf man getrost auch als wichtige Botschaft an einen teilweise verachteten Stadtteil betrachten.

"Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids." (Lukas 2, 8-11)

Das griechische Wort, das bei der Weihnachtsgeschichte des Lukas hier für "verkündigen" steht (euangelizomai), meint nicht nur die Botschaft an sich, sondern bezeichnet gleichzeitig deren Qualität als "Gute Nachricht", als "Frohe Botschaft", eben als Evangelium. Der Name Evangeliumskirche wird im Inneren durchbuchstabiert. Beim Betreten des großen, hallenartigen Innenraumes führt der Trägerrost des Mittelschiffs mit seinem Wegcharakter zur Altarwand, die den geosteten Chor dominiert.

 Zunächst mag dieser große Raum eher kahl, nüchtern und schmucklos wirken, Backstein und Beton dominieren. Aber bei längerer Betrachtung merkt man, wie sehr diese Kirche zentriert ist auf den erhöhten Altar und das dahinter aufragende Betonrelief. Es ist die sakrale Mitte, die von der Gotteskraft des Evangeliums künden will. Es war Aufgabe des Bildhauers Heinrich Hofmann, das Programmatische an dem Namen Evangeliumskirche bildhaft umzusetzen: Wir glauben und verkündigen den für unsere Sünden gestorbenen, von Gott auferweckten und am Ende der Tage wiederkommenden Herrn Jesus Christus!


Der Thron Gottes mit dem erhöhten Jesus Christus als Herr der Welt (die Erdkugel als Schemel seiner Füße) ist das Hauptmotiv, das Hofmann mit seiner genialen Kunst, aus dem grauen Beton heraus plastisch zu gestalten, bewusst gewählt hat. Im linken und rechten Bereich des Chores sind die erhöhte Kanzel und der Taufstein so angeordnet, als ob der erhöhte Herr von seinem Thron herabsteigt, um in seinem Wort und Sakrament den Menschen ganz nahe zu sein. Ganz im Sinne Martin Luthers wird hier der Kern der Reformations-Erkennntis gestaltet: dass wir vor dem Richterstuhl Christi gerecht gesprochen werden durch das Evangelium.

Martin Luther hatte 1512 in der Turmstube zu Wittenberg in einer für viele sehr ermutigenden Form die Kraft des Evangeliums wiederentdeckt. Bei seiner Lektüre des Römerbriefs wurden ihm nämlich zwei Verse besonders wichtig:

"Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist." (Römerbrief Kapitel 3, 21-24)

"Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben." (Römerbrief Kapitel 1, 16)

Diese "Gute Botschaft" war auch im Blick auf die vielen Hasenbergler gedacht, die am Nullpunkt ihres Neuanfangs standen: Die Gemeindeglieder der Evangeliumskirche sollten in all den Nöten und Bedrängnissen des schweren Alltags erfahren, dass sie vor dem heiligen Gott (ge)recht sind.

Das Altarrelief (und die Glasfenster) legen die Kapitel 4 und 5 der Offenbarung aus, in denen der Seher Johannes seine Thronvision beschreibt:

 

"Und siehe, ein Thron stand im Himmel, und auf dem Thron saß einer. Und sieben Fackeln mit Feuer brannten vor dem Thron, das sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Thron war es wie ein gläsernes Meer, gleich dem Kristall, und in der Mitte am Thron und um den Thron vier himmlische Gestalten: die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt war gleich einem Stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler. Und eine jede der vier Gestalten hatte sechs Flügel, und sie sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da kommt. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Gestalten ein Lamm stehen ..."

Das Altarrelief „Christus thronend mit Evangelistensymbolen“ ist von Karlheinz Hoffmann, die Fassung von Hubert Distler; ebenfalls von Karlheinz Hoffmann stammen die Supraporte über dem Westportal „Verkündigung an die Hirten“ und alle Prinzipalia (Altar, Kanzel, Taufstein), von Adolf Kleemann die farbige Verglasung der Altarzone „Ausgießung des Heiligen Geistes“.

Die Johannes-Offenbarung gibt sich als Bericht einer Vision, die einem christlichen Prediger namens Johannes auf der Insel Patmos zuteil geworden ist. In der Ekstase ist dem Seher das gesamte Weltgeschehen am Ende der Zeiten enthüllt worden. Ein Drama von ungeheurem Ausmaß wird geschildert, in einer Überfülle von Bildern: die über diese Weit hereinbrechende Katastrophe, das Ende dieses Weltzeitalters im göttlichen Gericht und das Heraufkommen einer neuen Weit, in der Gott das Heil der Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus verwirklicht. Solche Apokalypse ist auf dem Boden geschichtlicher Katastrophen-Erfahrung erwachsen. Man suchte Halt und Kraft, indem man sich über die bedrückende Gegenwart in eine jenseitige herrliche Zukunft hineindachte.

Es geht darum, die unverständliche Not der bedrängten Gemeinde theologisch durchsichtig zu machen, sie zur Entscheidung aufzurufen und sie zur Glaubenstreue zu mahnen. Die Grundabsicht der Johannes-Offenbarung aber ist der Zuspruch und die Ermutigung. Ihre Thron-Vision schildert: Gott thront im Himmel, umgeben von den Ältesten, die ihm zusammen mit den vier Throntieren (Symbole der Evangelisten) unaufhörlich Lobpreis darbringen: das himmlische Urbild aller Gottesdienste auf Erden.

Es ist kein Zufall, wenn die geistigen Väter dieser Kirche darauf zurückgriffen: sie erinnerten sich noch gut der Katastrophe des 2. Weltkrieges, seiner Folgen und des Neuanfangs in Unsicherheit. Die aus allen Richtungen zusammengetriebenen Neu-Hasenbergler sollten mit diesem Hinweis auf die Vision der alle irdischen Mächte und die Geschichte umgreifenden Macht Gottes getröstet und ermutigt werden.

Das Altarrelief zwingt den Betrachter - auch wegen seiner geringen Raumtiefe - zum längeren Verweilen. Nicht glänzend und leuchtend, eher schemenhaft erscheint das Bild des Herrschers der Weit. Umgeben ist der Erhöhte von vier Gestalten, die symbolisch die Evangelisten darstellen:

Matthäus (rechts unten): Menschengestalt
deutet auf die Menschwerdung Jesu
Markus (rechts oben): Löwe
deutet auf die Kraft der Auferstehung
Lukas (links unten): Stier
deutet auf das Opfer Jesu am Kreuz
Johannes (links oben): Adler
deutet auf Christi Himmelfahrt.

Diese vier tragen das Evangelium hinein in die Welt, also auch in diese Kirche und Gemeinde. Ihre Köpfe sind, wie die Gloriole des Christus mit Gold hinterlegt.

Hinzu tritt das Lamm Gottes. Die Offenbarung des Johannes nimmt dieses Bild für Christus mit Vorliebe und erinnert dabei an das Lied vom Gottesknecht:

"Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf." (Jesaja 53,4-7)

Das großartige Relief bringt - besonders auch in der Geste der Hände - die befreiende Botschaft zum Ausdruck, dass wir durch den Kreuzestod Jesu (das Lamm) vor dem Richterstuhl Gottes begnadigt und gesegnet sind. Die blutroten Streifen und die Abdrücke der Holzmaserung im Beton erinnern bei aller Erhabenheit dennoch an den Leidensweg Jesu. So ermutigen sie seine Nachfolger dazu, im Zeichen des Lammes ihren Weg zu gehen, unter Umständen bis zum Kreuz. Das Kreuz ist in Einzelteilen erkennbar, wie zerlegt, weil der Tod und das Leiden durch die Auferstehung Christi bereits besiegt sind.

Außer auf den thronenden Christus wird der Blick des Betrachters immer wieder auf das sogenannte "Auge Gottes" gelenkt, das mit seinen drei kleinen goldhinterlegten Dreiecken im großen Dreieck und den drei rechteckigen Vertiefungen die Dreieinigkeit Gottes beleuchtet: Symbol für die drei Erscheinungsgestalten Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Zwei Bibeltexte aus der Johannes-Offenbarung sind zudem aus der Betonwand herausgearbeitet:
"Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende" (Kapitel 1,8) und "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein." (Kapitel 21,4).

 

 

Die Evangeliumskirche ist fensterlos. Über der Mauerkrone der Umfassung lassen die aufgefalteten Seitenpartien der Betondecke das Tageslicht einfallen durch transluzent verglaste Betongitter. Im Altarbereich reicht diese lichtdurchlässige Wandstruktur bis auf den Boden herab und ergibt hier eine Lichtfülle, die dem Betonrelief der Altarwand mit seinen Weißhöhungen und Spuren von Goldmosaik Glanz verleiht. Die Betonrippen des mittleren Deckenfeldes, die über die ganze Länge des gut 500 Personen fassenden Kirchenschiffes auf die Altarwand zuführen, verdeutlichen das Grundmotiv „Wegkirche“.
Johann Christoph Ottow
in: Evangelischer Kirchenbau in Bayern seit 1945, Seite 148f

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Werfen wir zum Schluss einen (vorerst) letzten Blick zurück in das Kirchenschiff, wird uns noch einmal die erhabene Architektur dieser großen und großartigen Kirche bewusst. Während sich in der gläsernen Eingangstüre der Altar spiegelt, erhebt sich auf der Empore die Königin alles Gotteslobes, die Orgel.

Doch dazu mehr im 2. Teil der Kirchenführung. Dort erfahren Sie auch mehr darüber, wie sich die heilige Zahl 7 in der Evangeliumskirche allenthalben wiederfindet.